Wie können neue Orte für Sorgearbeit, Gemeinschaft und Teilhabe im ländlichen Raum entstehen? Mit dieser Frage hat sich über ein Jahr lang das Studierendenprojekt „Raum für Care – Planerische Perspektiven für ländliche Räume“ der Fakultät für Raumplanung an der TU Dortmund “ unter der Leitung von Apl. Prof. Dr. Sandra Huning beschäftigt. Ziel des Projektes war es, sogenannte Caring-City-Konzepte, die bislang vor allem aus Großstädten bekannt sind, auf ländliche Kommunen zu übertragen und weiterzudenken sowie kommunale Akteure für das Thema stärker zu sensibilisieren.
Für ihre Forschung haben die Studierenden dabei die Situation von Care-Leistenden in Ostbevern genauer in Blick genommen. Im Mittelpunkt ihrer Untersuchungen standen Eltern mit Kindern bis sechs Jahren sowie pflegende Angehörige.
In der vergangenen Woche wurden jetzt die Ergebnisse des Projektes im Rathaus öffentlich vorgestellt. Und um eine Erkenntnis der Studierenden bereits vorweg zu nehmen: Urbane Konzepte lassen sich nicht ohne Weiteres übertragen. Deutlich wurde vielmehr: Ländliche Räume brauchen eigene, auf ihre Strukturen zugeschnittene Planungsansätze.
Rund 75 Prozent der Care-Arbeit – also der Sorgearbeit für Kinder, ältere oder unterstützungsbedürftige Menschen – findet im privaten Umfeld statt und bliebe damit vielfach unsichtbar, führten die Projektteilnehmenden aus. Sie wollten deshalb herausfinden, wie sich die besonderen Bedingungen des ländlichen Raums auf Menschen auswirken, die Sorgearbeit leisten, und welche Anforderungen sich daraus für eine care-sensible Raumplanung ergeben.
Denn, so die Studierenden, Care-Arbeit ist nicht nur eine gesellschaftliche, sondern auch eine räumliche Herausforderung. Größere Entfernungen zu Alltagszielen, nur wenige Mobilitätsalternativen zum Auto, der Fachkräftemangel in der Pflege und die Abwanderung jüngerer Menschen erschweren vor allem in ländlichen Gemeinden den Alltag von Care-Leistenden. Gleichzeitig gewinnen jedoch Familie, Nachbarschaft und Ehrenamt als informelle Unterstützungsnetzwerke an Bedeutung.
Für ihre Untersuchung sprachen die Studierenden Anfang des Jahres auf dem Wochenmarkt mit Betroffenen, führten im Anschluss Interviews mit Care-Leistenden und hatten im Februar zu einer Gruppendiskussion mit pflegenden Angehörigen eingeladen. Wenngleich das jetzt vorgestellte Projektergebnis auch keinen repräsentativen Anspruch erhebt, so liefert es aber dennoch wichtige Einblicke und zeigt Potenziale und Herausforderungen auf.
Denn deutlich wurde, dass es in Ostbevern bereits vielfältige Angebote und gute Voraussetzungen im Bereich der Sorge-Arbeit gibt. Positiv hervorgehoben wurden insbesondere die Betreuungs- und Freizeitangebote für Kinder, die zentrale Lage vieler Einrichtungen sowie die Möglichkeit, zahlreiche Alltagswege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen zu können. Eine besondere Stärke sind zudem die informellen Unterstützungsstrukturen: Familie, Nachbarschaft, Vereine und Ehrenamt übernehmen bereits jetzt schon wichtige Aufgaben, schließen Lücken und bilden für viele Menschen ein tragfähiges Netz.
Gleichzeitig bestehen aber auch Herausforderungen, beispielsweise bei der fachärztlichen Versorgung, bei Betreuungsangeboten für ältere und pflegebedürftige Menschen – letztes insbesondere im Ortsteil Brock – sowie auch die starke Abhängigkeit vom Auto.
Auf Grundlage ihrer Erkenntnisse haben die Studierenden sodann ein Care-Leitbild für den ländlichen Raum entwickelt, in dessen Mittelpunkt vier Leitprinzipien stehen: Lebensräume gestalten, Sorgewege erleichtern, soziale Vernetzung fördern und Perspektiven einbinden. Daraus ergeben sich verschiedene Denkanstöße, wie etwa gemeinschaftsorientierte Wohnmodelle, neue Mobilitätsangebote oder ein „Tag der Sorgearbeit“, der die oft unsichtbare Arbeit der Care-Leistenden sichtbarer machen und würdigen könnte.
Ob und inwieweit sich diese sowie weitere Impulse in konkrete Maßnahmen umsetzen lassen, blieb offen. Das aber war auch nicht Ziel des Projektes, sondern den Projektteilnehmenden war es wichtig, mit ihrer Forschungsarbeit einen Perspektivwechsel herbeizuführen, damit Care-Arbeit als ein wichtiger Bestandteil gesellschaftlichen Lebens auch bei planerischen Entscheidungen mitberücksichtigt wird. Ihr abschließender Appell an die Ostbeverner Verwaltung lautete deshalb auch, Care-Themen von Beginn an in die Überlegungen einzubeziehen, wenn über die Gestaltung von Lebensräumen, über Mobilität, Wohnen, Versorgung und soziale Infrastruktur nachgedacht wird.
