16.07.19

Hörsaal in Scheune verlegt

Am Wochenende tauschten Studierende und Wissenschaftler der Universität Münster ihre Seminarräume mit einer Scheune auf dem Hof von Paul Verenkotte in Ostbevern.

Die Forschungsstelle Arbeitstransfer der Uni, kurz AFO genannt, hatte im Rahmen des Projektes „Ostbevern bioinspirativ“ zu einem sowohl wissenschaftlichen als auch künstlerischen Sommerworkshop in die Bevergemeinde eingeladen. Das Thema „Mutterkorn“ stand dabei auf dem Stundenplan.

Das Besondere daran: Der Workshop war nicht ausschließlich Studierenden der Uni Münster vorbehalten, auch Ostbeveraner Bürgerinnen und Bürger konnten daran teilnehmen.

Und so sorgten die anschaulichen und für jedermann verständlich dargebotenen Vorträge zur biologischen, medizinischen und (kunst)geschichtlichen Bedeutung des Mutterkorns, die die Dozenten Dr. Dennise Stefan Bauer (Leiter des Botansichen Gartens Münster), Dr. Jörn Meißner (Orthopäde), Dr. Wilhelm Bauhus und Lena Wobido (beide AFO Münster) vorbereitet hatten, für so manchen Aha-Moment bei den Teilnehmern. Und das ganz besonders, als im Rahmen einer kleinen Exkursion zu einem naheliegenden Roggenfeld in den Ähren der Pflanzen tatsächlich Mutterkorn entdeckt wurde. 

Mutterkorn ist ein giftiger Getreidepilz, dessen Alkaloide Halluzinationen sowie Vergiftungen auslösen können. Während man heute um die giftige Wirkung dieses Schimmelpilzes weiß und enge Kontrollen ein Risiko für Verbraucher nahezu ausschließen, war dieses den Menschen im Mittelalter nicht bekannt.

Der ahnungslose Verzehr mutterkornhaltiger Nahrungsmittel sorgte damals für schwere Vergiftungen. Nervöse, krampfartige Zustände, Lähmungen, Ohnmachten, Halluzinationen und das Absterben einzelner Gliedmaßen gingen unter dem Begriff „Antoniusfeuer“ in die medizinische Geschichte ein. Alte Gemälde wie z. B. von Matthias Grünewald oder Hieronymus Bosch sowie Beiträge in Geschichtsbüchern geben heute Zeugnis von den Symptomen der damaligen Mutterkornvergiftungen.

Mutterkorn ist aber auch deshalb durchaus bekannt, weil das im Pilz enthaltene Alkaloid Lysergsäure den Ausgangsstoff für eine der bekanntesten Drogen lieferte. Das berühmt berüchtigte LSD. Entdeckt hat es der Schweizer Chemiker Albert Hoffmann (1906-2008) im Rahmen seiner Arzneimittelforschungen. Als „Wunderdroge“ eroberte es die Welt und vor allem viele Musiker und Künstler schätzten die bewusstseinserweiterte Droge im Sinne einer unterstellten gesteigerten Kreativität. Heute ist LSD nahezu weltweit verboten.

Doch das Thema „Mutterkorn“ wurde nicht nur wissenschaftlich aufgearbeitet. Im künstlerisch-kreativen Teil des Workshops widmeten sich die Teilnehmer/ den durch Mutterkorn-Vergiftungen hervorgerufenen körperlichen Verkrampfungen. Unter Anleitung der Künstlerin Martina Lückener stellten sie Verkrümmungen und Verrenkungen nach, die per Overhead-Projektoren als Schatten auf die Wand projiziert wurden. Diese wurden auf Papier abgezeichnet und auf schwarzem Filz übertragen.

Die so entstandenen Schattenfiguren werden nun im Nachgang von der Künstlerin digitalisiert und anschließend aus wetterfestem Kunststoff ausgeschnitten. Zu sehen sein werden die Arbeiten im Rahmen der Abschlusspräsentation des Projektes „Ostbevern bioinspirativ“ am 03. Oktober 2020, wenn sie öffentlich ausgestellt werden.